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Jüdisches Leben in Gelsenkirchen

Mythos und Realität

Ein Gebäude mit der Bezeichnung Synagoge, die Thora-Rollen, ein Rabbiner alssynagoge_gelsenkirchen_2007 Angestellter – sichert das die Zukunft des Judentums in Gelsenkirchen? Oder sind auch andere Voraussetzungen notwendig?  Wenn ja, welche? Tausende besuchen das Gebäude der Synagoge, es herrscht großes Interesse am Exterieur und am Interieur, an der Gestaltung des Hauses.  Und an den Menschen, an den hier und jetzt lebenden Gelsenkirchener Juden? Ohne das wirkliche, ernste und tiefe Interesse an den Menschen, ist dann nicht alles nur eine Attraktion, eine Show?

Wer sind sie- die hier und jetzt lebenden Gelsenkirchener Juden, was sind sie? Sind sie überhaupt gläubig? Wie identifizieren sie sich selbst? Heutige Juden – ist das vielleicht viel mehr als nur eine religiöse Gemeinschaft?  Die jüdische Bevölkerung der Stadt Gelsenkirchen  - ist das denn etwa nicht viel mehr als nur die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde? Wie leben Juden heute in Deutschland, in Gelsenkirchen? Was für Probleme haben sie?  Welche Rolle spielen jüdische Bürger im Gelsenkirchener gesellschaftlichen Leben? Sind sie nur der Hintergrund für ein attraktives Synagogen-Gebäude, sind sie nur stimmlose Statisten bei einer großen Kampagne, die „Aufbau jüdischen Lebens“ heißt, die „von oben“ kommt und „von oben“ angeordnet wird?

Von wem und wie wird das Leben der Gelsenkirchener Juden der deutschen Öffentlichkeitthoraschrank_synagoge_gelsenkirchen präsentiert? Haben diese Gremien Kontakt mit der heterogenen Gelsenkirchener jüdischen Öffentlichkeit? Ist in Gelsenkirchen ein Begriff „jüdische Öffentlichkeit“ überhaupt bekannt? Ohne Kontakt  zu Gelsenkirchener Juden und ohne Informationen über die verschiedenartigen Formen jüdischen Lebens in der Stadt beziehungsweise ohne die Kenntnisnahme dieser Informationen ist dann eine solche Präsentation von Seiten der etablierten Gremien (mit einer einseitigen, unbegründet euphorischen und verfeinerten Darstellung der Wirklichkeit) nicht etwa Desinformation der Gelsenkirchener Bürger und Diskriminierung der Gelsenkirchener Juden?

Von wem und wie werden die Gelsenkirchener Juden in der Stadt vertreten? Wenn die Stadt nur mit der Leitung der Jüdischen Gemeinde kommuniziert und nur sie als Vertretung der Gelsenkirchener jüdischen Bevölkerung wahrnimmt, entspricht dieses Prinzip überhaupt den heutigen Realitäten? Wie ist die Leitung der Jüdischen Gemeinde legitimiert, wie demokratisch ist die rechtliche Basis der Gemeinde? Die Stadt Gelsenkirchen kann das nicht wissen. Wegen der sogenannten Autonomie  der Gemeinde als einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (gemäß der Weimarer Verfassung von 1919, die der heutigen Situation in den jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht mehr entspricht), ist von außen jegliche Einmischung und Kontrolle nicht möglich – obwohl die Gemeinde zum größten Teil vom Staat finanziert wird.

Dazu kommt die Beziehung der Stadt Gelsenkirchen zur Jüdischen Gemeinde, die sich wegen des Holocaust wie zu einer „heiligen Kuh“ gestaltet. Das alles ermöglicht der Gemeinde eine Existenz - abgeschottet von einer rechtlichen Basis und einer Zone des Handelns nach demokratischen Normen - und der Leitung der Gemeinde eine unbegrenzte Macht.  In solcher Situation sind u. a. Diskriminierungen der Gemeindemitglieder und Verletzungen der Menschenrechte der Gelsenkirchener Juden  wohl  möglich.  Wenn solche Fälle passieren, wie kann diese Organisation die Rolle einer moralischen Instanz in der Stadt spielen?

Wurde für die Gelsenkirchener Juden  eine freie und selbstbewusste Entwicklung des vielseitigen und vielfältigen religiösen und kulturellen Lebens ermöglicht? Wie werden in Gelsenkirchen die menschlichen Potenziale jüdischer Bürger genutzt? Wer und wie kümmert sich um die Integration jüdischer Zugewanderter, um eine ernsthafte intellektuelle Bildung – religiöse und allgemeine? Wer und wie trifft die wichtigen Entscheidungen, was Kinder,  Jugendliche und junge Familien betrifft?

Diese und andere ähnliche Fragen betreffen heutzutage nicht nur die Stadt Gelsenkirchen,  solch eine Problematik gehört  zur zeitgenössischen jüdischen Gemeinschaft Deutschlands grundsätzlich.  In den Städten aber mit großen Gemeinden und entwickelten  jüdischen Infrastrukturen, mit verschiedenen Formen  jüdischen Lebens, in  den Städten mit Universitäten und dem spürbaren Einfluss der jüdischen intellektuellen Elite auf das Geschehen kompensiert sich dadurch teilweise diese Problematik. In einer Stadt wie Gelsenkirchen (rund 270.000 Einwohner, keine Universität, die Zahl der Gemeindemitglieder um 400) sind die Probleme  viel schärfer.  Eine Analyse der Gelsenkirchener jüdischen Geschichte in den letzten zwei Jahrzenten wird die beunruhigenden Tendenzen des realen zeitgenössischen jüdischen Lebens  in Deutschland zeigen.

 

Fotos: Andreas Jordan

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