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Eine „Neuigkeit“ für jüdische Aufklärung? Drucken
Geschrieben von: losif Rabinowitsch   
Dienstag, 22. Juni 2010 um 00:00 Uhr

In den dunklen Zeiten der mittelalterlichen Inquisition veranstalteten katholische Oberhäupter Disputationen zwischen Christen und Juden, die für die letzteren zwangsverordnet waren. Die angebliche „Gerichtsbarkeit" gehörte bei diesen Disputationen natürlich den Christen und jüdische Chroniken bewahren zahlreiche grauenvolle Geschichten über Konsequenzen dieser Disputationen für die Juden. Sehr stark war der Wunsch christlicher Herrscher nach Zerstörung des Judentums. Die Zeiten der Inquisition sind vorbei. Bleibt die Vorliebe für religiöse Diskussionen, welche das jüdische Glauben zerfressen sollen, diesmal von innen. Hier jüngstes Beispiel aus Augsburg.

Herr Henry Brandt, Ehrendoktor des Evangelischen Fachbereichs der Universität Marburg, der in der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg als Rabbiner tätig ist (Baruch Dajan HaEmet „Gelobt sei der wahrhaftige Richter" — wird gesprochen, wenn man von einem großen Unglück erfahren hat, meistens vom Tod) veranstaltete eine Ferndiskussion zwischen drei Religionen, dem konservativen Judentum, dem liberalen Judentum und dem eigentlichen Judentum. Drei Vertreter dieser Religionen mussten im Abstand von einem Monat Vorträge im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg Schwaben halten. Das Museum plante eigentlich neutrale Informationsveranstaltungen für Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Freundschaft, aber Dr. Brandt nutzte sämtliche Informationskanäle, um zu diesem Vortrag ausdrücklich alle Mitglieder der Gemeinde einzuladen. Sogar kostenfreien Eintritt hat er für diese ausgehandelt, sie sollten nur kommen. Und er teilte im Anzeiger der Gemeinde mit, dass es eine Diskussion geben würde, mit russischer Übersetzung.

Zum ersten, „konservativen" Vortrag kam ein Dutzend neugierige Gemeindemitglieder. Das schien Dr. Brandt zu wenig. Um seine Schäfchen „aufzuklären", veröffentlichte er im Anzeiger der Gemeinde den Artikel einer Deutschen, die Mitglied der genannten christlichen Gesellschaft ist, darüber, wie gut und interessant das konservative Judentum sei.

Eigentlich interessiert sich Hr. Brandt wenig für den Anzeiger. Er versteht kein Russisch, hat mit den Interessen der Gemeindemitglieder wenig zu tun, er ist bundesweit tätig und selten in der Gemeinde zu sehen. Und wenn er dort zu sehen ist, dann bemüht er sich, den Gemeindemitgliedern einzutrichtern, dass die meisten Regeln des Judentums hoffnungslos veraltet seien und dass jetzt so gut wie alles erlaubt sein soll. Und nur die Engstirnigkeit „russischer" Gemeindemitglieder hindert ihn dabei, diese Permissivität einzuführen. Allerdings wird der „ideologische", d.h. religiöse, Teil der Zeitung von ihm strengstens kontrolliert: Alle Artikel religiöser Thematik müssen ihm vorher für die Genehmigung unbedingt vorgelegt werden. Dass niemand wage, eine Meinung zu veröffentlichen, die mit seiner persönlichen Meinung nicht übereinstimmen würde! In diesem Teil des Anzeigers werden ausschließlich Beiträge seiner persönlichen Anhänger publiziert. Aber auch unter den Anhängern fand sich niemand, der die Aufgabe übernehmen wollte, ein Lobeslied für „Konservative" zu schreiben. Da zog Hr. Brandt die christliche Propaganda heran, die ihm bei seiner Zielerfüllung helfen sollte.

Der Versuch, das konservative und liberale Judentum bei Menschen zu propagieren, die kraft ihrer sowjetischen Vergangenheit weder über Erfahrung eines religiösen Lebens noch über Wissen darüber verfügen, ist zweifelhaft. Es wäre doch schwer vorstellbar, dass in einer katholischen Gemeinde, vor einer Gruppe wenig wissender Kirchgänger ein evangelischer oder orthodoxer Pfarrer zum Vortrag eingeladen worden wäre, um für die Vorzüge der eigenen Konfession zu agitieren. Oder dass man in einer orthodoxen Kirche Vertreter des katholischen oder evangelischen Glaubens zu einem missionarischen Vortrag für zehnjährige Kinder (unsere Mitbürger sind in Fragen des jüdischen Glaubens sogar schwächer als zehnjährige Kinder, die von klein auf eine Religion kennen) einladen würde. Das wäre äußerst taktlos und unanständig. Und anschließend würde jemand, der gar kein Christ ist, sehr positiv den Vortrag und auch die propagierte Religion in der Zeitung dieser Gemeinde einschätzen — für solche Kunststücke würde der Pfarrer unehrenhaft entlassen!

Bei der Nötigung der Augsburger Gemeinde zum „Liberalismus", was der Ehrendoktor Brandt mit Beharrlichkeit betreibt, die eine bessere Anwendung verdienen würde, sind sogar solche „Neuerungen" willkommen. Zu seinen Stärken gehören anscheinend weder das Gefühl für Angemessenheit noch für die Unzulässigkeit der Einmischung der Nicht-Juden in jüdische Angelegenheiten.

 

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