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Was bin ich? Jüdischer Deutscher, deutscher Jude, Jude in Deutschland? Drucken
Geschrieben von: Gabriel (G.T.)   
Dienstag, 15. Dezember 2009 um 10:06 Uhr

Was bin ich?

Jüdischer Deutscher, deutscher Jude, Jude in Deutschland?


Ich bin ein deutscher Jude. Oder bin ich ein jüdischer Deutscher? Tatsächlich bin ich ein Deutscher, da ich die deutsche Staatangehörigkeit besitze, fühle mich aber diesem Volk auf keinen Fall zugehörig. Am Begriff jüdischer Deutscher lässt sich dennoch nichts ändern, da ich ja dem Gesetz nach Deutscher bin. Haben unsere Vorfahren auch so gedacht, als sie in diesem Land lebten? Blicken wir 80 Jahre zurück: Anfang dieses Jahrhunderts war der größte Teil des deutschen Judentums sehr assimiliert. Wenn wir die Namen der gefallenen deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg betrachten, werden wir auch sehr viele jüdischen Namen darunter finden. Was heute fast paradox und unvorstellbar klingt: 12.000 „Deutsche“ jüdischen Glaubens ließen ihr Leben als Soldaten für Deutschland. Sie sagten von sich, sie seien Deutsche; zwar einer anderen Religion zugehörig, aber eben Deutsche. Sie wollten alles für Deutschland geben und schämten sich ihrer Brüder, der aus Polen stammenden Juden, die sich zum Beispiel im Scheunenviertel am Alexanderplatz ansiedelten. Diese lebten orthodox, nach alter Tradition und Sitte, d.h. streng nach der Halacha. Da sie ihr Judentum, seit dem Mittelalter in unveränderter Form wahrhaftig lebten, unterschieden sie sich natürlich von den assimilierten deutschen Juden erheblich. Das liberale, assimilierte Judentum in Deutschland warf ihnen vor, durch ihre, sich von den Deutschen unterscheidende Kleidung (wie z.B. schwarzer Hut und Kaftan) und ihre Ghettoisierung Antisemitismus zu erzeugen. Was die assimilierten Juden nicht ahnten: Sie gingen wenig später genauso ins Gas. Im KZ gab es keinen Unterschied, Jude war Jude. Noch bis zuletzt dachten diese assimilierten Juden, darunter auch viele Persönlichkeiten wie Walther Rathenau, Max Liebermann etc., dass „ihnen“ unter den Nationalsozialisten nichts geschehen würde. Sie hatten ja für Deutschland gedient, waren manchmal sogar „bessere“ Deutsche. Sie irrten sich gewaltig. Nach den schrecklichen Gräueltaten unter dem NS-Regime ist es also (selbst?)verständlich, dass ein Jude in Deutschland seine Religion hervorhebt und nicht auf das Deutschsein wert legt, sondern es eher mit einer Peinlichkeit verbindet. Es geschieht nicht selten, dass man als jüdischer Deutscher von israelischen Jugendlichen als Nazi  beschimpft wird (sogar als Jude!), wenn man nach Israel kommt. Auch bekommt man oft den Vorwurf zu hören: Wie kann  man als Jude in Deutschland leben, nach alledem? Um an das Hauptproblem anzuknüpfen, frage ich mich: Worauf kann ein Jude in Deutschland stolz sein? Oder kann ein Jude auf Deutschland stolz sein? Aber ich gehe noch weiter: Worauf könnte ein Deutscher stolz sein (abgesehen von Goethe, Schiller, Beethoven etc. Dies war einmal ist aber nicht repräsentativ für das Deutschland des 20. Jahrhunderts.)? Worauf könnte ein Deutscher stolz sein? Auf Hitler, die Republikaner, Ausländerpolitik, Kohl, Arbeitslosigkeit, Giftgasproduktion, Skinheads, Waffenlieferung, die Geschichte???????????

Aber dies ist ein Problem, mit dem sich die Deutschen auseinandersetzen müssen, oder auch nicht, mit dem sie leben müssen.

Ein amerikanischer Jude sagt: I am proud to be an American! Ein französischer Jude sagt: Je suis un francais!

Sie können das sagen, sagen das auch ohne Vorbehalte. Sie feiern nichtjüdische nationale Feiertage genauso mit, leisten genauso wie Nichtjuden den Dienst in der Armee. (Warum?)

Denn kein anderes Land hat mit seiner Vergangenheit so ein Problem wie Deutschland.

SCHICKSAL?

Wird ein deutscher Jude in der nächsten Zeit freiwillig oder ohne sich zu wehren zur Bundeswehr gehen?

Für die nächste Zeit wird dies ein großes Identitätsproblem für uns sein, denn wir lieben unsere Heimat nicht. Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr stelle ich fest, dass die Kluft immer größer wird. Ich bin also kein deutscher Jude, sondern Jude, der das Schicksal hat, in Deutschland geboren zu sein, die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen, in Deutschland zu leben, die deutsche Kultur zu adoptieren, die deutsche Sprache zu sprechen: Deutsch zu sein, aber sich nicht als Deutscher zu fühlen.

Aber wo ist meine Heimat?

In Israel doch auch nicht! Israel hat eine ganz andere Mentalität, Kultur, dort wird eine mir fremde Sprache gesprochen. Und von vier Wochen im Jahr Strandferien in Tel-Aviv zwischen Hilton und Sheraton kann man das Leben dort auch nicht beurteilen. Dort fühle ich mich auch nicht zu Hause! Wo also fühle ich mich zu Hause? Dies wäre aber schon ein Thema für einen neuen Artikel.

Ich glaube, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt.


Gabriel  (G.T.)


Quelle: Jüdisches Jugendzentrum Berlin, Mai 1991 .

 

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