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Der Wechsel im Zentralrat ist einem dringenden Erfordernis geschuldet Drucken
Geschrieben von: Irene Runge   
Mittwoch, 05. Mai 2010 um 12:27 Uhr
Der Zentralrat der Juden bekommt seine neue Führung und Charlotte Knobloch macht gute Miene zum bösen Spiel. Die als rigide bekannte Präsidentin wird im November nicht ums repräsentative Amt kämpfen, das ihr mit dem Tod ihres Vorgängers Paul Spiegel in den Schoß fiel. Seit Wochen wird gedeutelt, ob der Wechsel fair oder unfair eingeleitet wurde, an dessen Notwendigkeit zweifelt aber niemand. Wichtiger ist, wie sich künftig eine realitätsnahe Politik und die Bewahrung des jüdischen Erbes ausnehmen. Der Frankfurter Unternehmer Dieter Graumann gilt als kompetenter Nachfolger, ihn trennen 17 Jahre von seiner künftigen Amtsvorgängerin. Dass nur sein Name kursiert, ist die Konsequenz des bisherigen Führungsstils, der weder begabte Jüngere und nach 1990 auch keine Nachwuchskräfte mit russischen Sprachkenntnissen zuließ. Das Getriebe des Zentralrats ist seit Jahrzehnten festgefahren. Das Problem liegt im System. Aus historisch erklärbaren Gründen wurde auf kritische Partizipation verzichtet, damit wurde das, was in den USA und Israel zu jüdischer Ausdifferenzierung führte, von den bisherigen Akteuren des deutschen Zentralrats nicht verinnerlicht. In Verlautbarungen hat nicht erst Frau Knobloch Herausforderungen ausgeblendet, die jenseits von Schoa-Erinnerung, Gedenken und Antisemitismus durch eine Melange aus «Diaspora-mon-Amour» und «Israel-I-love-you» überzuckert sind. 1990 gab es den unumkehrbaren Bruch des Bisherigen, in der Folge hat sich die quantitativ vervielfachte jüdische Bevölkerung in Deutschland auch mit neuen Qualitäten ausgestattet. Das Stichwort heißt Migration. Doch der Zentralrat hat versäumt, über die Widersprüche jüdischer Einwanderungs- und Integrationsrealitäten offen zu debattieren, er war zu leise, als die Islamfeindschaft im Lande anwuchs, ignorierte die auch in jüdischen Kreisen vorhandenen schwulenfeindlichen Vorurteile und solidarisierte sich nicht mit der Wut jener, die unter sozialem Abbau und Hartz-IV-Regelungen leiden. Das Zentralratsdilemma spiegelt die verfahrene Situation an der organisierten jüdischen Basis und zeugt von Ignoranz gegenüber allen, die den 107 Gemeinden nicht angehören, die 23 Landesverbände bilden, was einen Zentralrat überhaupt erst möglich macht. Dort könnte auch das vorgedacht, moderiert und gestaltet werden. Runde Tische für Vertreter jüdischer Haupt- und Nebenorganisationen nebst denen aus unabhängigen Gruppen bieten sich an, aber stattdessen verhindern unterschwellige Spannungen und das Fremdeln zwischen der Spitze des Dachverbandes und der Basis aus 110.000 organisierten Jüdinnen und Juden die Veränderung der Tagesordnung. Charlotte Knobloch wird als eine der letzten Symbolfiguren des Überlebens vor 1945 beschrieben, aber sie verkörpert auch ein gediegenes bayerisch-jüdisches Lebensgefühl aus der alten Bundesrepublik. Die meisten Mitglieder Jüdischer Gemeinden sind aber eingewanderte russischsprachige Juden, die trotz ihrer guten Bildung hier nicht wie ihre Verwandten in den USA an bewährte Prinzipien jüdischer Wahldemokratie herangeführt worden sind. Das rächt sich auch. Der Zentralrat will für alle Juden reden, und er ignoriert deren sprachliche, kulturelle, religiöse, mentale, regionale, politische - also die biographische Vielfalt. Diese Vielfalt könnte wiederum die Stärke eines neuen Zentralrats sein, was auch das Ende der Ausgrenzung jüdischer Andersdenkender bedeuten würde. Doch noch agieren meist nur die Experten der «Weiter So», und historischen Chancen verfliegen. Nach dem Mauerfall kamen bis 2005 rund eine Viertelmillion Menschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auf dem jüdischen Ticket nach Deutschland, auch nichtjüdische Familienangehörige. War das je Schwerpunkt des Interesses? An die 80 Prozent der jüdischen Gemeinden bestehen aus einst hochqualifizierten, heute gealterten und zumeist armen Zuwanderern, deren Kinder und Kindeskinder die jüdischen Feste feiern, aber sich als Hoffnungsträger zurückhalten. Die internen Belange der jüdischen Gemeinschaft sind ihnen fremd. Früher traf man sich beim Gottesdienst und auf dem Friedhof, heute auch bei Geburten und Hochzeiten, in jüdischen Kindergärten und Schulen. Doch die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung ist erheblich größer als die Zahl der Gemeindemitglieder. Fähige Moderatoren sind nötig, um auch die Unorganisierten zu erreichen. Zehntausende junger kreativer Israelis, jüdische Amerikaner, Europäer und andere, teils mit, teils ohne deutsche Vorfahren und Pässe, sind in den großen deutschen Städten längst zu einer unabhängigen jüdischen Bewegung neben Zentralrat und Religionsgemeinden angewachsen. In Berlins Prenzlauer Berg hat sich unlängst ein weiterer antireligiöser israelischer Klub gegründet, in Charlottenburg leitet ein geschasster Gemeinderabbiner seine Privatsynagoge, die eine Suppenküche für Bedürftige gleich welcher Herkunft unterhält. Nicht nur in Berlin werden heiße Debatten an englisch und hebräisch-jüdischen Stammtischen ausgetragen. Und «Limmud» führt die Außenseiter ebenfalls zusammen. Es gilt noch immer, dass alle Juden füreinander verantwortlich sind. Das sollte zur Maxime des neuen Zentralrats werden. Irene Runge ist Soziologin. Bis Dezember 2009 war sie Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins Berlin (JKV). «Jüdische Zeitung», März 2010
 

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