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Jüdisches Leben an der Ruhr: Es ist nicht leicht Drucken
Geschrieben von: na, „Ruhr Revue“   
Freitag, 21. Mai 2010 um 08:39 Uhr
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Jüdisches Leben an der Ruhr
Wir sprechen russisch
Vor dem Aus gerettet
Zeichen jüdischen Lebens
Hoffnung auf Jugend
Religiöse Vielfalt
Lichterfest Chanukka


Viele Juden sind seit 1990 aus Russland nach Deutschland gekommen. Überall sind neue Synagogen gebaut worden, auch in unserer Region, als sichtbare „Zeichen für aktives jüdisches Leben“. Nur die dümmsten Deutschen sehen darin keinen Grund zur Freude. Aber man darf sich keiner naiven Täuschung hingeben: Natürlich ist nichts mehr so wie vor dem Judenmord. Und im Alltag stehen die Gemeinden vor vielen Problemen.

Früher wurden deutsche Synagogen oft in vage orientalisch historisierendem Stil gebaut. Das ist bei den neuen Synagogen ganz anders. An der Castroper Straße in Bochum wirkt wohl das Planetarium mit seinem Kuppelbau von 1964 leicht exotisch; bei der 2007 gebauten Synagoge nebenan dagegen hat der Kölner Architekt Peter Schmitz die moderne Formdreier kubischer Baukörper gewählt mit eher subtilen Anklän gen an die jüdische Religion und ihre Ursprünge.

250 Menschen bietet die Synagoge Platz. Schließlich hat die Bochumer Gemeinde (mit Herne und Hattingen) seit Jahren etwa 1200 Mitglieder. Diesmal sind es allerdings nur etwa zwei Dutzend Menschen, die sich zum Schabbat-Gottesdienst zusammenfinden. Wie jeden zweiten Samstag leitet Rabbiner Dr. David Vinitz den Gottesdienst. Der in Israel ausgebildete Russe ist mit einer Ausnahme bei weitem der Jüngste im Raum. Vor allem jene Männer, die nach jüdischem Brauch den Gottesdienst aktiv mitgestalten, sind teils in deutlich fortgeschrittenem Alter. Die Stimmen der Gemeinde klingen unsicher beim Singen, nicht anders als in vielen christlichen Gemeinden – nur dass kein Orgelgebraus darüber hinwegtönt. Allein der kräftige Bass des Rabbiners gibt dem Gesang ein wenig Halt.

Wir sprechen russisch

Beim Kiddusch nach dem Gottesdienst, mit dem Segen über Brot und Wein zum gemeinsamen Essen, fällt dem Besucher erst richtig auf: Nicht nur die Speisen sind russisch. Es sprechen auch alle russisch. Bis auf Dr. Michael Rosenkranz, hörbar ein Schwabe, der schon lange vor den Russen nach Bochum und in die dortige jüdische Gemeinde eingewandert ist. Mit ihm sprechen die anderen deutsch, soweit sie das können. David Vinitz, der erst seit einem halben Jahr in Deutschland als „ambulanter Rabbiner“ Westfalens arbeitet, kann es noch nicht. Mit Vinitz’ gutem Englisch dagegen kann Rosenkranz wenig anfangen – so unterhalten sich die beiden Männer in der Sprache der Bibel: Hebräisch. Das wiederum ist den meisten Gemeindemitgliedern weniger geläufig, als es einem Gottesdienst gut tut. All das – Sprachverwirrung, geringe Besucherzahl und Altersstruktur – sei charakteristisch, sagt Michael Rosenkranz: für die Bochumer Gemeinde und viele andere.

Zur Erinnerung: Nur ganz wenige deutsche Juden haben den Holocaust in Deutschland überlebt oder sind nach dem Krieg dorthin zurückgekehrt. Sie allein hätten nicht einmalkleine Gemeinden neu formen können. Aber es gab noch die jüdischen „Displaced Persons(DP)“ aus Osteuropa, die nach Deutschland verschleppt worden waren und es vorderhand im besiegten Deutschland sicherer fanden als im Osten, wo stalinistischer Zwang in vielen Ländern mit rabiatem Antisemitismus einherging. Diese beiden Gruppen taten sich zusammen zu kleinen „Einheitsgemeinden“, anfangs noch unter dem Vorbehalt, dass man bei erster Gelegenheit auswandern werde: nach Israel etwa, in die USA. Es blieben dann doch die meisten, was Juden im Ausland oft nicht verstanden. In den fünfziger Jahren wurden einige kleine Synagogen neu gebaut – wie zum Beispiel in Essen.

Vor dem Aus gerettet

Aber die Gemeinden wurden über die Jahrzehnte immer winziger, so dass sie Ende der achtziger Jahre oft keinen „Minjan“ mehr zusammenbrachten: zehn Erwachsene, bei den orthodox geprägten Einheitsgemeinden zehn Männer, die es mindestens braucht für einen Gottesdienst oder auch für wichtige Gebete wie das Kaddisch zum Totengedenken. Die meisten jüdischen Gemeinden standen 1989 vor dem Ende. Dann fiel die Mauer. Und dann kamen die Russen. Es war die letzte DDR-Regierung, welche russischen Juden die Einreise nach Deutschland erlaubte – um gängigen antisemitischen Anfeindungen zu entgehen. Die Bundesregierung des vereinten Deutschland übernahm diese Regelung.

Von 1990 an kamen die russischen Juden zu Hunderten, zu Tausenden, auch ins Ruhrgebiet. Gemeinden, die eben noch ein paar Dutzend Mitglieder hatten, schwollen auf mehrere Hundert Menschen an. 2005 beendete die Bundesregierung die Zuwanderung fast ganz, indem sie russischen Juden nicht mehr den Flüchtlingsstatus zuerkannte. Bis dahin waren 220.000 Menschen eingewandert, über 100.000 von ihnen fanden zu den jüdischen Gemeinden. Heute zählen die Gemeindeverbände Nordrhein und Westfalen rund 25.000 Mitglieder – so viel wie 1990 in ganz Deutschland. Mit 1200 Mitgliedern ist Bochum eine der größten Gemeinden. Die eben noch bedrohten Gemeinden waren gerettet. Sie schienen wieder eine Zukunft zu haben. Es gab eine Aufbruchstimmung. Jüdische Vereine wurden gegründet. Rabbiner wurden gesucht; erstmals gab es in Deutschland wieder eine Rabbinerausbildung. Und Synagogen wurden gebaut. Im Ruhrgebiet machte Recklinghausen 1997 den Anfang. 1999 baute die Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen ein bemerkenswertes Haus am Duisburger Innenhafen. 2007 folgte zuerst Gelsenkirchen, dann Bochum.

Zeichen jüdischen Lebens

Verfolgten und unterstützten den Prozess – nicht immer selbstlos. Aus Politikerreden klang schon mal heraus, dass man die „Zeichen für jüdisches Leben“ als Gewissensberuhigung verbuchte, als Vertrauensbeweis für die deutsche Nachkriegsdemokratie. Und mancher gute Mensch hat sich wohl der Illusion hingegeben, dass nun irgendwie die reiche, mitsamt den Menschen ausgerottete oder vertriebene deutsch-jüdische Kultur wieder auferstanden sei. Dem ist natürlich nicht so. Es kann nur darum gehen, dass sich eine neue Kultur der Juden in Deutschland entwickelt. Wenn es gut geht: der deutschen Juden. 98 Prozent der Bochumer Gemeindemitglieder sind zugewanderte Russen, sagt Michael Rosenkranz. Und dieses Verhältnis sei typisch für die meisten anderen Gemeinden. Die meisten Russen aber sprechen nicht nur wenig Deutsch; sie finden auch, trotz guter Ausbildung nicht leicht Arbeit. Zum Beispiel, weil Diplome nicht anerkannt werden. Die soziale Betreuung dieser Mitglieder kann eine Gemeinde leicht überfordern. Das größte Problem aber ist, dass die russischen Juden von ihrer Religion wenig bis gar nichts wissen. Sie fallen also als Gestalter eines religiös fundierten Gottesdienstes aus, der viel mehr Mittun verlangt als ein christlicher Gottesdienst.

Wo religiöses Nichtwissen in Indifferenz umschlägt, droht eine Gefahr, die christlichen Gemeinden vertraut ist: Austritte. Schon geht die Zahl der Gemeindemitglieder deutschlandweit wieder zurück. Und als hätte das gerade noch gefehlt, gibt es „evangelikale“ Christen, die Juden missionieren. So auch die in Essen beheimatete Gruppe „Juden für Jesus“, in der Bekehrte andere Juden für das Christentum zu gewinnen suchen. Zeitweise taten sie das unter einem Logo aus Davidstern und pseudohebräischen Lettern, nach Art des infamen Nazi-Judensterns. Nur selten wohl geht diese Missionstätigkeit so daneben wie bei dem jungen Afrikaner aus Guinea, der regelmäßig zum Schabbatgottesdienst in die Bochumer Synagoge kommt: Ein Pamphlet der „Juden für Jesus“ hat ihn auf die jüdische Religion erst aufmerksam gemacht, und nun möchte er in absehbarer Zeit konvertieren.

Hoffnung auf Jugend

Die Zukunftshoffnung der jüdischen Gemeinden in Deutschland richte sich letztlich auf die Kinder und Jugendlichen, sagt Michael Rosenkranz. Das ist mehr als eine Binse, denn anders als ihre Eltern haben die Jungen eine Chance, ihre Religion kennenzulernen. Sie könnten dann tatsächlich als integrierte Mitglieder der Gesellschaft eine erste, neue Generation deutscher Juden bilden. Doch sei es natürlich sehr schwierig, diese Jungen zu erreichen, sagt Rosenkranz, wenn ihre Eltern dem aktiven Gemeindeleben völlig fernbleiben. Er sieht darin eine zentrale Aufgabe der Gemeinden, und Chajm Guski stimmt ihm zu. Der 31-jährige Gelsenkirchener widmet der Religion einen großen Teil seiner Freizeit. Er betreibt eine Website über jüdische und religiöse Fragen (www.talmud.de), er bloggt und twittert, hat einen guten Überblick über jüdisches Leben in der Region und darüber hinaus.

Religiöse Vielfalt

Die Aktivität der Gemeinden, sagt Guski, sei von sehr unterschiedlicher Qualität. Gute Arbeit leiste zum Beispiel der Dortmunder Rabbiner, wenn es darum geht, Mitglieder ins Gemeindeleben zu integrieren und ihnen auch fundiertes religiöses Wissen zu vermitteln. Das ist Guski sehr sympathisch, der sich darum bemüht, ein nicht nur pro forma jüdisches Leben zu führen. Und doch wäre er in der Dortmunder Gemeinde nicht glücklich, denn religiös stimmt er mit dem orthodoxen Rabbiner gar nicht überein. Und damit ist eine weitere Schwierigkeit der rasch gewachsenen Gemeinden angesprochen: Es regen sich wieder die unterschiedlichen religiösen Strömungen innerhalb der Judenheit.

Vor dem Krieg waren die jüdischen Gemeinden mehrheitlich „liberal“ oder „reformiert“. Das heißt: Vom althergebrachten Ritus wurde in unterschiedlichem Maß abgewichen. Es ging um Länge des Gottesdienstes, um Predigten in der Landessprache, um Orgelmusik, um die Striktheit der Schabbatregeln, um die Rolle der Frau. Meist war der Wunsch nach Änderung, Modernisierung ernst begründet. Aber es gab auch Tendenzen zu einem nebenher konsumierbaren „Judentum light“, zu identitätsgefährdender Anpassung an weltliche oder christliche Gebräuche. Für orthodoxe Juden waren diese Strömungen ganz unannehmbar. Nach dem Krieg prägten die orthodoxen „Displaced Persons“ das religiöse Leben der kleinen Einheitsgemeinden. Zumindest im Gottesdienst hielt und hält man gemeinsam an den althergebrachten Riten fest. Seit aber die Gemeinden wachsen, regt sich Widerspruch. Oft ist es die Rolle der Frau, an der er sich entzündet. In ganz orthodoxen Gemeinden sitzen Frauen auf der Empore. In Bochum hat es sich so ergeben, dass die Frauen rechts sitzen, die Männer links; die Empore der neuen Synagoge bleibt leer. Aber am Gottesdienst sind Frauen nur passiv beteiligt; beim „Minjan“ zählen sie nicht.

Das stört Chajm Guski und einige andere Mitglieder vieler Gemeinden. Sie möchten Gottesdienste abhalten, an denen Frauen gleichberechtigt teilhaben können. Bei den orthodox geprägten Gemeindevorständen und Rabbinern beißen sie da in der Regel auf Granit. Deshalb hat Guski mit einigen Mitstreitern „Etz Ami“ gegründet, die „Jüdische Liberale Vereinigung Ruhrgebiet und Münsterland“. Ein zentrales Anliegen: der „Egalitäre Minjan“. Sie zählen weiterhin zu ihren Heimatgemeinden, treffen sich aber regelmäßig in einer uralten Synagoge in Selm, auf halbem Weg nach Münster. Sie sind eine kleine Gruppe, aber bei ihren Gottesdiensten zählen die Frauen zum Minjan und sind ganz eingebunden. Eine ähnliche Gruppe hat sich inzwischen in Oberhausen gegründet. In den Medien wurden gerade diese innerjüdischen Auseinandersetzungen mit einigem Interesse verfolgt. Man kann sie als Schritt hin zu einer jüdischen Normalität interpretieren. Aber sicher macht die neue Vielfalt die schwierige Integrationsaufgabe der Gemeinden nicht leichter.

Lichterfest Chanukka


Der Gottesdienst am Schabbat, sagt Chajm Guski, sei im Übrigen nur ein Teil jüdischen Lebens. Er versucht mit seiner Familie, auch den Alltag in der nicht-jüdischen Umgebung jüdisch zu gestalten. Er betet. Er hält die berühmten Speisevorschriften halbwegs ein (für Orthodoxe gibt es in Dortmund jetzt ein Geschäft mit koscheren Lebensmitteln). Er sieht zu, dass er am Freitag früh zu Hause ist, um bei Sonnenuntergang mit dem Kerzenzünden den Schabbat einzuläuten. Er nimmt sich unauffällig an jüdischen Feiertagen frei und entweiht den Schabbat nicht durch Arbeit. Die Familie entzieht sich dem Weihnachtstrubel und feiert stattdessen das Lichterfest Chanukka, dieses Jahr vom 11. bis zum 18. Dezember. Zu Weihnachten machen die Guskis gar nichts. Natürlich wünscht man ihnen oft „frohe Weihnachten“, darauf antworten sie einfach: „Frohes Fest“.

Bei Familie Rosenkranz ist das ein bisschen anders. Frau Rosenkranz ist katholisch, und zwar ähnlich ernsthaft wie Michael Rosenkranz Jude ist. Diese religiöse Koexistenz funktioniert seit vielen Jahren. So feiern sie dieses Jahr zuerst Chanukka, und zwar richtig, kein „Weihnukka“. Mit fünf achtarmigen Chanukka-Leuchtern im Fenster, für jedes Familienmitglied einer – auch wenn die Kinder der Rosenkranz’ sich bislang für keine Religion entschieden haben. Und dann wird eben auch noch Weihnachten gefeiert. In zwei Jahren fallen Chanukka und Weihnachten übrigens mal wieder zusammen. Auch das hat Familie Rosenkranz schon ein paar Mal gemeistert.

Man kann also jüdisch leben in der Ruhr-Diaspora. Aber es ist nicht leicht. Nicht nur, weil vor den Synagogen immer noch Polizeiwagen stehen – aus bekannt schlechtem Grund.                                                                             


„Ruhr Revue“ 1-2010
http://www.ruhr-revue.com/archiv/Hefte/RR__web.pdf#page=29
 

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