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Große Idee, unvollkommene Praxis Drucken
Geschrieben von: Cristoph Stölz   
Sonntag, 30. Mai 2010 um 12:18 Uhr

Aktuelle Fragen der Geschicht spolitik und der jüdischen Einwanderung aus Osteuropa

Der Holocaust-Gedenktag ist vorbei. Was er für die Zukunft bedeutet, hat Shimon Peres' «Nie wieder» im Bundestag mit der ganzen Autorität seiner Biographie bekräftigt. Im ganzen Land ist würdig an das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts erinnert worden. Dabei war allen bewusst, dass es auf die Frage nach dem Warum letztlich keine befriedigende Antwort geben kann angesichts der Realität des Undenkbaren. Der Begriff der «Wiedergutmachung» ist in der Diskussion nicht mehr aufgetaucht. Er ist in den letzten Jahrzehnten aus der öffentlichen Meinungsbildung verschwunden. Wir wissen, dass angesichts der Katastrophe des Holocaust alle politischen, rechtlichen und materiellen Leistungen unzulänglich bleiben müssen. Wieder gut, wieder heil machen im naiven Sinn des Wortes kann man hier gar nichts. Diese Einsicht ist aber kein Entlassungsschein aus der Pflicht, das Machbare auch so gut zu machen, wie möglich.

Nach dem katastrophalen Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 hat der portugiesische Premierminister auf die verzweifelte Frage seines Königs, was denn jetzt überhaupt noch zu tun sei, geantwortet «Die Toten begraben, die Lebenden ernähren». Der Satz ist in seiner Nüchternheit soll uns leiten bei den folgenden Frage nach dem Stand der Dinge.

Beginnen wir mit den Toten. Seit den Forschungen des französischen Priesters Patrick Desbois wissen wir, dass bis heute Tausende von Massengräbern von Holocaust-Opfern auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion weder gekennzeichnet, noch gesichert, geschweige zu würdigen Orten des Gedenkens und der Trauer gestaltet worden sind. Mehr als anderthalb Millionen osteuropäische Juden wurden 1941 bis 1943 von NS-Einsatzgruppen in Osteuropa erschossen und in Gruben verscharrt. Heute, mehr als sechs Jahrzehnte nach den Untaten, sind in der Ukraine, Weißrussland und Russland Massengräber ermordeter Holocaust-Opfer sogar in Gefahr, geplündert zu werden. Die Augenzeugen, die über die Lage Ort der Mordstätten Auskunft geben können, werden immer weniger. Es ist also schnelles Handeln geboten und höchste Zeit, diese Aufgabe - möglichst in Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion - als Teil unserer historischen Verantwortung anzunehmen.

In diesen Tagen hat der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge vorgeschlagen, die Bundesregierung sollte die Zuständigkeit seiner Organisation über die Grabstätten deutscher Soldaten hinaus auf die von Holocaust-Opfern erweitern. Ob das denkbar ist, muss mit äußerster Sensibilität für die historische Symbolik bedacht werden.

Kohl: «Moralisches Problem aus der Welt geschafft»

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Das Judentum in Deutschland heute: Neuanfang oder letztes Geleit? Hier: Ein junger Mann am Grab des deutsch-jüdischen Philosophen Moses Mendelsohn auf dem jüdischen Friedhof in der Großen Hambuerger Straße in Berlin.

Foto: Reuters/Hannibal Hantscke

Wie steht es mit der Verantwortung für die Überlebenden? Und mit dem Verhältnis der Deutschen zum osteuropäischen Judentum überhaupt? Der Ordinarius für Deutsche Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem Jakob Hessing, 1944 als Kind ostjüdischer Eltern in einem Versteck im Außenlager eines Konzentrationslagers geboren, hat vor kurzem eine umfassende Bilanz der Geschichte der Juden in der Bundesrepublik gezogen. Hessings überaus kritische Sicht auf das deutsch-jüdische Verhältnis zwischen 1945 und 1989 endet, wenn nicht mit einem Happy End, so doch mit einem deutlich hoffnungsvollen Ausrufezeichen. Es gilt der Einladung der Regierung Kohl an die Juden aus der Sowjetunion zur Einwanderung nach Deutschland: «Mit einem politischen Schwert hatte die Bundesregierung den gordischen Knoten zerschlagen, der das deutsch-jüdische Verhältnis zu ersticken drohte, und ein moralisches Problem war aus der Welt geschafft.»

Helmut Kohl hat ein Grußwort zur Ausstellung «Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik» im Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt a.M. geschrieben, die im März 2010 eröffnet wird. Darin heißt es: «Diese Menschen haben ... ja dazu gesagt, in dem Land ihre neue Heimat zu finden, das für den Holocaust verantwortlich ist. Dass sie in die Bundesrepublik gekommen sind und dass sie bleiben, zeugt auch von Vertrauen. Es ist für uns Deutsche zugleich Ermutigung und Ansporn. Ermutigung, dass es uns gelungen ist, aus den Trümmern, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat, ein freiheitliches Gemeinwesen aufzubauen, das glaubwürdig ist und auch für Menschen jüdischer Herkunft - bei manchen Herausforderungen, die noch bestehen - doch wieder Heimat sein kann. Auf dieses Vertrauen hatten wir keinen Anspruch, nach allem was im Dritten Reich in deutschem Namen geschehen ist. Es ist ein kostbares Geschenk - mit das kostbarste, das uns nach 1945 und weiter nach 1989/90 in die Hände gelegt worden ist. Ansporn, weil mit dieser größten Welle der jüdischen Migration nach dem Holocaust die Chance, dass es in Deutschland wieder eine lebendige und zahlenmäßig bedeutende jüdische Gemeinde gibt, merklich gewachsen ist. Wir sind uns schmerzlich bewusst, dass aus verschiedenen Gründen das, was einmal war, nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt wiedererstehen kann. Zugleich stehen aber die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion für die Hoffnung, dass ein lebendiges und auch zahlenmäßig bedeutendes Nachkriegsjudentum in Deutschland möglich ist und wir gemeinsam den Boden für ein Miteinander bereiten, das sich auf das Alte bezieht, ohne es in falscher Unbefangenheit neu auflegen zu wollen. ... Es ist in Deutschlands ureigenem Interesse, dass die Integration gelingt.»

Soweit die Geschichtsphilosophie des Elder Statesman. Wie aber sieht die Realität aus? Seit 1991 hatten jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als so genannte «Kontingentflüchtlinge» nach Deutschland einzureisen. Grundlage hierfür war ein Beschluss der Innenministerkonferenz vom 9. Januar 1991, nach dem «Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge». Wie die Begrifflichkeit deutlich zeigt, wurden die juristischen Instrumente nicht neu geschaffen, wie man es angesichts des einzigartigen deutsch-jüdischen Geschichtsverhältnisses hätte erwarten können. Denn «Flüchtlinge» aus Kriegs- oder Krisengebieten waren die aus Osteuropa einwandernden (ca. 200.000) Juden ja nicht. Der Zerfall der Sowjetunion, die daraus resultierende politischen und sozialen Instabilität,der teils heftige Nationalismus der Nachfolgestaaten mochten Auswanderungswünsche befördern. Eine «Flucht» war der Weg nach Deutschland in der Regel dennoch nicht. Das Eintrittskriterium war deshalb sinnvoller Weise auch nicht eine Bedrohung von Leib und Leben, sondern ganz allgemein die Zugehörigkeit zum Judentum. So wurde es im Erlass des Auswärtigen Amtes an die Auslandsvertretungen vom 25. März 1997 nochmals definiert. Ganz im Sinn der von Helmut Kohl in seinem Text von 2009 formulierten Wünsche war durch die Zuwandernden die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden in Deutschland schon bis 2003 von 29.089 im Jahr 1990 auf 102.472 im Jahr 2003 angestiegen.

Aus der Ferne betrachtet, sind die Dinge also auf gutem Wege. Aus der Nähe fallen Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten auf. Sie entstammen alle dem politischen Versäumnis, die große Idee nicht auch mit einer großen Gesetzgebung zu realisieren, sondern den Alltag der Anwendung von Verwaltungsvorschriften zu überlassen, die für ganz andere Zwecke geschaffen worden sind.

Sozialrente statt Opferrente

Beginnen wir mit den Überlebenden des Holocausts: Unter den etwa 200.000 Zuwanderern bilden die ehemaligen Gefangenen der Konzentrationslager und Ghettos nur eine kleine Minorität. Im Gegensatz zu allem, was man erwarten würde, haben sie keinen gesetzlich verankerten Status als «Verfolgte des NS-Regimes» erhalten. Sie beziehen deshalb auch keine NS-Opfer-Renten, sondern sind finanziell von Sozialhilfe in Form der «Grundsicherung im Alter» abhängig. Wer sich in den Details auskennt, weiß, dass dies empfindliche Nachteile mit sich bringt, bis hin zu beschämenden Einschränkungen. Die Sozialhilfe ist im Gegensatz zur Rente keine stabile, konstante, sondern eine zeitlich auf ein Jahr beschränkte Leistung. Sie erfordert jährlich einen Neuantrag und dessen Prüfung durch das Sozialamt. Sie untersagt das Ansparen von Geld über einen festgelegten niedrigen Betrag hinaus, auch wenn es aus den bescheidenen Hilfeleistungen der Jewish Claims Conference stammt. Sie untersagt Nebenverdienste und Vermögensbesitz, macht dauerhafte Armut geradezu zur Prämisse und stellt die Bezieher unter permanente Kontrolle des Sozialamtes bis in die intimsten Lebensverhältnisse.

Dass diese - für eine ganz andere Klientel geschaffene Verwaltungspraxis! - für die ehemaligen Häftlinge von Lagern und Ghettos von peinlicher Symbolik sein muss, leuchtet ein. Alexander Popov, Vertreter der «Bundesassoziation Holocaustüberlebender aus den postsowjetischen Staaten», hat Ende 2009 mit Recht gefordert, die «immigrierten Opfer des Holocaust verdienten im Einvernehmen mit der moralisch-politischen Verantwortung der Bundesrepublik,dass sie ihren Lebensabend würdig und ohne erniedrigende Beschränkungen ihrer Rechte und Freiheiten erleben können.»

Wie steht es mit dem Sozialschicksal der jüngeren Generationen? Es war eine verhängnisvolle Blockade der Integration, dass die deutschen Behörden für die Anerkennung der Schul- und akademischen Abschlüsse tendenziell eher Hürden aufbauten. Dass Hochqualifizierte sich bis heute als Hilfsarbeiter durchschlagen oder zu Hartz-IV-Empfängern werden, stellt der Transparenz unserer Qualifikationssysteme ein schlechtes Zeugnis aus. Die Sowjetunion verfügte über ein hervorragendes akademisches Ausbildungssystem. Es wäre die Mühe wert gewesen, sich den Gehalt sowjetischer Kompetenzen vorurteilslos anzusehen und die Examina beherzt mit den deutschen Hochschul- und Fachhochschulabschlüssen zu synchronisieren. Energische Zuwanderer haben trotzdem ihren Berufsweg gemacht. In allzu vielen Familien ist aber die Elterngeneration dauerhaft arbeitslos - mit großem Engagement arbeitet sie meistens dennoch an einer qualifizierten Ausbildung der Kinder.

Der Erschwerung von Integration in die deutsche Gesellschaft durch  Armut gesellt sich ein weiteres Hindernis zu. Es ist die geschichtspolitische Inkonsequenz, dass mit der Einladung an die postsowjetischen Juden zur Einwanderung nicht zugleich das Angebot zur schnellen, unkomplizierten Erwerbung der deutschen Staatsbürgerschaft verbunden wurde - unabhängig vom Kriterium der wirtschaftlichen Selbständigkeit. Welchen Sinn es macht, De-facto-Mitbürgern eine Pass-Loyalität mit postsowjetischen Nationen aufzuladen, die sie doch demonstrativ verlassen haben, leuchtet dem historisch Bewussten nicht ein.

Stete Ost-West-Wanderung des Judentums

Denn was lehrt die ältere deutsch-jüdische Geschichte? In den zwei Jahrhunderten, die der Katastrophe der NS-Judenverfolgung und des Holocausts vorangegangen sind, hat es eine stete Ost-West-Wanderung des Judentums gegeben. Nach 1870 ist insbesondere das moderne Bürgertum Berlins von der jüdischen Einwanderung aus Galizien geprägt worden. Wer aus Odessa, Lemberg, Tschernowitz oder den kleinen jüdischen Schtetls der slawischen Länder nach Deutschland kam, unbeschadet, wie arm er/sie begannen, assimilierte sich in der Regel sprachlich und kulturell sehr schnell. Dabei half die mit dem Hochdeutschen verwandte jiddische Umgangssprache, mehr noch das intellektuelle Training durch den allen jüdischen Kindern obligatorischen Religionsunterricht. Jüdische Familien «investierten» traditionell sehr viel in die Bildung der nächsten Generation. In den jüdischen Familien Osteuropas war die Literatur der deutschen Klassik weit verbreitet, Deutschland galt als Heimat der Aufklärung und Toleranz. Die hoch motivierten und beruflich qualifizierten bzw. qualifizierbaren osteuropäischen Juden wurden meistens noch in der Migrationsgeneration, spätestens in der zweiten, zu erfolgreichen Bürgern des Deutschen Reiches. Man hat geradezu von einem jüdischen «Bildungswunder» gesprochen. Jeder Blick in die deutsche Kulturgeschichte beweist, dass die Juden in Deutschland sich womöglich noch stärker mit der deutschen Kultur und Sprache identifizierten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern gerade in den Kultur berufen (Wissenschaften, Verlagswesen, Literatur, Presse, Medien) spielten die Juden in Deutschland eine herausragende, ihren relativen Anteil an der Gesamtbevölkerung weit übersteigende Rolle. Als ein Beispiel unter vielen mag der Hinweis auf den Büchner-Entdecker Karl Emil Franzos dienen, der aus Ostgalizien über Budapest und Wien 1880 nach Berlin kam und hier zum bedeutenden Förderer der zeitgenössischen Literatur wurde. Eine zweite Welle jüdischer Immigration kam nach dem Ersten Weltkrieg.

Zwischen 1920 und 1930 war Berlin der große Magnet des intellektuellen Exodus' aus der Sowjetunion. Hier, im damaligen Weltzentrum der Wissenschaft vom Judentum, hat Simon Dubnow seine monumentale Geschichte des jüdischen Volkes geschrieben und publiziert. Aber auch die Unterhaltungskultur wurde durch talentierte Zuwanderer bereichert: Mischa Spoliansky aus Byalistok wurde der Komponist von Max Reinhards «Schall und Rauch», vertonte Tucholsky, Klabund und Ringelnatz und war Komponist erfolgreicher Revuen. Auch Harry Frommermann, der Gründer der Commedian Harmonists kam aus einer russisch jüdischen Familie.

Vergangenheit ist ein Spiegel der Zukunft: Alles, was also eine schnelle Eingemeindung der jüdischen Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft und eine schnelle Erschließung ihrer Qualifikationen befördert, ist von vitaler Nutzen für die deutsche «Wissensgesellschaft». Im Ernst kann Deutschland nicht wollen, dass hier jüdische Menschen leben, denen man die Tür halb aufgemacht hat, ohne sie ganz hindurch gehen zu lassen. Was wir uns wünschen, sind blühende jüdische Gemeinden, die aus deutschen Staatsbürgern bestehen, die sich zu 100 Prozent mit ihrer neuen Heimat identifizieren, weil sie ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Hort der Gerechtigkeit und einer auch im Verwaltungsalltag wirksamen Geschichtsmoral ist. Damit dies Realität wird, muss die Bundesrepublik noch ein paar Hausaufgaben machen. Sie sollte es schnell tun, ganz Sinne jener praktischen Humanität, die der Portugiese von 1755 so prägnant formuliert hat.


Prof. Dr. Christoph Stölzl war 1987-1999 Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums und von 2000 bis 2001 Wissenschafts- und Kultursenator des Landes Berlin. Er lehrt Kulturmanagement an der Freien Universität Berlin und ist Kolumnist der «Berliner Morgenpost».


Der Text erschien in gekürzter Form zum ersten Mal in der «Welt» am 13. Februar.

«Jüdische Zeitung», März 2010
 

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