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Kritik, Analyse und Blick in die Zukunft
Ein Vortrag im Rahmen des Programms der 5. Konferenz Bet Bebora in Sofia, Juni 2009
„Veränderung, wir warten auf Veränderung!“ - Viktor Zoi „Wenn nicht wir, wer dann?! Wenn nicht jetzt, wann dann?!“ - Paraphrase aus dem Talmud
Kapitel 1.
Russisch-jüdische Migration - ein einzigartiges zeitgenössisches Phänomen
Im Jahre 1990 öffneten Dr. Irene Runge und andere in der Ex-DDR die Türen für «russische» Juden, die durch den Antisemitismus der UdSSR benachteiligt wurden. Eingeladen war jeder ohne Ausnahme. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde dieser Prozess durch die Bundesrepublik Deutschland weitergeführt, aber die Einwanderungsabsicht wurde zur Rekonsolidierung der durch den Holocaust zerstörten jüdischen Gemeinden eingesetzt. Die Abhängigkeit der Migrationsprozesse von religiösen Organisationen und Zwang zur Konfessionalisierung basieren auf der Missachtung der Prinzipien der Trennung von Staat und Kirche und der Religionsfreiheit. Den «russischen» Juden war kaum klar, welche historische Mission sie erfüllen sollten, wofür sie bestimmt und eingeladen wurden: Das deutsche Judentum wieder auf die Beine stellen.
Die absolut einzigartige Geschichte der Russisch sprechenden Juden bildete eine spezielle Gemeinschaft, die sich von anderen mit dessen Eigenschaften und Identifizierung unterscheidet. Weltlich und mit einem hohen Bildungsniveau sowie kulturellem Potenzial, beeinflussen die russischen Juden alle sozialen Phänomene in den Ländern, wo sie verstreut sind. Viele Analytiker vorhersagen den Russisch sprechenden Juden eine spezielle Rolle in den Prozessen der Globalisierung und der Bildung einer zeitgenössischen jüdischen Identität auf der Grundlage vom Pluralismus.
Seit der 19-jährigen Existenz in Deutschland hat die russische Einwanderung die beispiellose Belebung verschiedener Aspekte des jüdischen kulturellen Lebens hervorgerufen, führte aber auch eine Last von Problemen ein, wo eines der schlimmsten das Problem der Selbstidentifizierung des deutschen Judentums ist. Wer sind wir, wie ist unser gemeinsames nationales Interesse? Es gibt keine Antwort auf diese Fragen bis jetzt.
Russische Juden kamen mit ihrer eigenen Selbstidentifizierung nach Deutschland, die durch eine Mischung von verschiedenen historisch gebildeten Teilen gemacht ist, die wir freiwillig, froh, stolz und mit einem starken Gefühl der Selbstidentifikation akzeptieren und dadurch leben. Wir betrachten uns als europäische Juden und einen Teil des jüdischen Volkes, das auf dem Planeten verstreut ist. Für uns sind Juden zuallererst ein Volk, unsere Selbstidentifizierung ist ethnisch, und für die Mehrheit von uns ist es ohne Religion stark genug.
In Deutschland stießen wir auf einen klaren Begriff und Wahrnehmung von Juden als eine religiöse Gruppe. Der Atheist Albert Einstein, der Christianisierte Heinrich Heine (beide kehrten zu ihren Wurzeln am Ende ihrer Leben zurück), Millionen von säkularen Juden, die durch den Holocaust ausgerottet wurden - als ob es sie alle nicht gäbe, werden zurzeit Juden in Deutschland identifiziert. «Russische» Juden sind für die Deutschen und für viele ortsansässige Juden auffallend, nicht echt; sie sollten alle unbedingt unter der Ägide deutscher Juden religiös werden.
Sowohl Deutsche als auch die Mehrheit der deutschen Juden betrachten Juden als Opfer des Holocausts. Diesbezüglich fühlen wir uns siegreich und als Befreier Europas vom Faschismus. Wir wollen heute leben und keine ewige Symbole des Holocaust-Gedächtnisses sein. Leider nimmt Deutschland die Juden nicht als unterschiedliche und im Hier und Jetzt lebende Menschen wahr. Stattdessen besteht dort nur ein starkes Stereotyp, ein Klischee – «Juden».
Durch ihre Anwesenheit in Gemeinden und das Wachsen einer absoluten Mehrheit führen «russische» Juden unwissentlich eine Änderung, eine Umgestaltung in der jüdischen Identifizierung des deutschen Judentums. Bis heute führt dies zu Konflikten, die nur zu verständlich und logisch sind. Denn was heutzutage in Deutschland getan und der Aufbau des jüdischen Lebens genannt wird, ist in Wirklichkeit nun eine politische Aktion, die durch Verwaltungsmethoden mechanisch durchgeführt wird, wo Juden als Stumme, als Statisten erforderlich sind, ohne die Eigenart dieser Menschen zu beachten. Das ist in der Tat eine obligatorische, zwangsläufige Konfessionalisierung. Jedoch kann niemand die Identität eines anderen zwangsweise ändern. Zwangsmaßnahmen, die mit groben Methoden spirituelle Sphäre einer erwachsenden gereiften Person verletzen, führen zu Widerstand und Verwerfung.
Und noch ein anderer Aspekt: In der existierenden Situation bleiben russische Mitglieder von jüdischen Gemeinden in derselben heuchlerischen Ambivalenz, die für ihr vorheriges Leben in der UdSSR typisch war, wo Heuchelei im Glauben und Überzeugungen eine Art des Überlebens war. Jetzt, in Deutschland, werden Menschen gezwungen, um Hilfe im Beheben ihrer zahlreichen Probleme zu bekommen und ohne einen Bezug zur Religion zu haben, Mitglieder von religiösen Gemeinden zu werden.
Dies ist analog zu unserer Existenz in der ehem. Sowjetunion: um studieren zu können, ein Pionier und später ein Komsomol-Mitglied werden zu müssen, und dann ein Parteimitglied für eine erfolgreiche Karriere zu sein. Das war die Essenz unserer unterwürfigen ideologischen Abhängigkeit. So fördert die vorhandene Situation das Diskreditieren des Judentums statt der Renaissance. (E. Derevjanchenko, Recklinghausen)
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Fortsetzung folgt
Eine gekürzte Version dieses Artikels wurde in russischer Sprache in der «„Jewrejskaja gaseta“ (JüdischeZeitung), №8-2009, veröffentlicht: www.evreyskaya.de/archive/artikel_1124.html
und hier: http://freie-juedische-meinung.de/ru/deutsches-judentum/229-weg
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