|
Das Programm wurde von den Mitgliedern des Vereins beschlossen «Forum für die Zukunft des Judentums in Deutschland». September 2009
DAS PROGRAMM
des Vereines «Forum für die Zukunft des Judentums in Deutschland e.V.»
Wir sind eine Bewegung innerhalb der jüdischen Gemeinden in Deutschland und möchten uns für eine freie und demokratische Entwicklung des Judentums einsetzen, welches auf der jüdischen Religion, den Traditionen und der Kultur, sowie auf den Gesetzen des Landes, in dem wir leben, basiert.
Beurteilung der Situation
Niemand, der heute in irgendeiner Weise mit dem deutschen Judentum verbunden ist, zweifelt daran, dass eine der größten jüdischen Diasporen, die noch vor kurzem einen Rekordwachstum verzeichnete, vom Aussterben bedroht ist. Es gibt drei Gruppen, die für diese traurige Bilanz verantwortlich sind.
Die erste Gruppe - die jüdischen Funktionäre, sowohl deutscher Herkunft, als auch die dazu gehörenden Einwanderer. Diese Menschen sind anscheinend nur fähig, das Judentum formell darzustellen. Sie haben sich als unfähige erwiesen, das Judentum, seine Traditionen und Kultur der Masse der Einwanderer näher zu bringen. Deswegen sind heute weniger als die Hälfte der jüdischen Einwanderer Mitglieder jüdischer Gemeinden.
In der Arbeit jüdischer Funktionäre sehen wir folgende Hauptdefizite:
- Der Zentralrat der Juden Deutschlands (ZdJ) seine Strukturen und die meisten seiner Gemeinden arbeiten ohne ein System ohne eine Strategie für die Zukunft, meistens nur mit den halachischen Juden. Wir vermissen ein Konzept, das alle Juden erreichten will.
- Obwohl der ZdJ die Interessen des gesamten Judentums Deutschlands vertritt, nimmt keine jüdische Gemeinschaft direkt an der Gestaltung dieser Organisation und ihrer Organe und Strukturen teil und sie ist niemandem Rechenschaft schuldig. In Wirklichkeit repräsentieren der ZdJ und die Landesverbände nicht das deutsche Judentum und auch nicht die Mitglieder religiöser Gemeinden, sondern lediglich die Interessen der amtierenden Leiter selbst.
- die offiziellen Strukturen des deutschen Judentums sind unklar. Einerseits sind sie autonom und verwalten sich selbst. Doch andererseits werden sie von dem deutschen Steuerzahler finanziert, dessen Kontrolle sie sich entziehen.
- Viele Mitglieder in den jüdischen Gemeinden werden gedemütigt und sind schutzlos gegen die Willkür ihrer Führungen und erhalten weder beim ZdJ und den Landesverbänden, noch bei den Rabbinern, noch bei jüdischen Gerichten eine effektive Hilfe. Sie sind zu einer großen „am Rande“ stehenden Gruppe geworden.
- Die Arbeit des ZdJ und der meisten seiner Organe sind undurchsichtig. Eben so verborgen vor der breiten jüdischen Öffentlichkeit bleibt auch die Arbeit des Schieds- und Verwaltungsgerichts des ZdJ, die Tätigkeit der vom ZdJ geschaffenen Rabbinerkonferenzen (der allgemeinen und der orthodoxen), sowie die Arbeit der Gerichte dieser Konferenzen.
- Der ZdJ und die Landesverbände weigern sich die Gemeinden zu kontrollieren und verweisen auf deren Autonomie. Es besteht also praktisch keine Verbindung zwischen dem ZdJ und den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde. Es entsteht der Eindruck, dass der ZdJ diejenigen, die den Mut haben, sich zu wehren, einfach ignoriert. Die Gemeindeführungen dagegen, werden immer aktiv verteidigt. Als Resultat haben sich in vielen Städten, wie z.B. Bielefeld, Bochum, Hameln, Köln, Essen, u.v.a., autoritäre Führungsregime herausgebildet. Die Menschen dort werden nicht respektiert, Satzungen, religiöse und staatliche Gesetze, sowie demokratische Prinzipien werden nicht eingehalten.
- Die Rolle der Rabbiner beschränkt sich auf das Minimum. Die meisten von ihnen erheben keinen Anspruch auf fundierte geistliche Autorität, sondern begnügen sich mit der Rolle des gut bezahlten Mitarbeiters, der die Interessen der Gemeindeführung bedient. Die Handlungen der Führung zielen wiederum darauf ab, die nach der jüdischen religiösen Tradition vorgeschriebene Aktivität der Rabbiner zu unterdrücken. Bei vielen Vertragsschlüssen mit den Rabbinern wird direkt gesagt, dass sie bei religiösen Fragen dem Vorstand der Gemeinde, und sogar deren Mitarbeitern, untergeordnet sind.
- Die jüdischen amtierenden Leiter haben es nicht geschafft, Senioren, Kinder oder die Jugend an das Judentum zu binden, wovon u.a. eine sehr kleine Zahl an tatsächlich eingehaltenen jüdischen Bräuchen zeugt.
- Die Bemühung um die Integration der Mitglieder der Gemeinde in das jüdische Leben wird durch die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft ersetzt. In diesem Fall gibt es keine Kriterien für Effektivität und die Bemühungen der Vorstände der Gemeinden zielen eher darauf ab, dadurch mehr finanzielle Mittel zu erhalten.
- Vor dem Hintergrund der sinkenden Mitglieder Zahlen in den Gemeinden kann man den enthusiastischen durch die Lobbyarbeit des ZdJ zustande gekommenen Bauboom neuer Gemeindezentren und die Veranstaltungen pompöser Feste nur als Zynismus empfinden.
- Viele amtliche Dokumente der Gemeinden, die die gesellschaftliche Organisation betreffen, (Satzungen, Wahlordnungen, Bestimmungen über die Schiedsgerichte und andere normative Papiere und Entscheidungen), die von inkompetenten und nur ihre eigenen Interessen verfolgenden Personen erstellt und ohne nachzudenken auf den Gemeindeversammlungen akzeptiert werden, widersprechen religiösen Gesetzen, dem gesunden Menschenverstand und normativen Dokumenten,.
- Der totalitäre Führungsstil der Leiter jüdischer Gemeinden führt faktisch zur Zersplitterung und sogar zum Verlust der traditionell starken Spiritualität für die deutschen Juden, welche eigentlich den Willen und die Fähigkeit dazu hätten, das deutsche Judentum positiv zu beeinflussen. Aber durch den Führungsstil werden sie vielmehr aus den Gemeinden vertrieben.
- Gerade deswegen ist das Image vieler jüdischer Gemeinden nicht gerade attraktiv. Die Menschen distanzieren sich von ihnen, finden von dem ZdJ unabhängige Alternativen oder konvertieren sogar zu anderen Konfessionen und Sekten.
Die zweite Gruppe, das sind die so genannten „russischen Juden“. Ihre Ankunft hat die Religiosität deutscher Gemeinden gesenkt, was einen Teil deutschsprachiger Juden vertrieben hat. Auf Grund des staatlichen Antisemitismus haben diese Juden keine jüdische Erziehung erlebt. Hier ist ein großer Nachholbedarf, damit das jüdische Bewusstsein nicht verschwindet.
- Besonders bei ihnen bemerkt man ein starkes Desinteresse am Judentum, den jüdischen Gebräuchen und der Kultur. Sie sind faktisch zu Hauptschuldigen an der fortschreitenden Assimilation geworden. Sie tragen also zur Realisierung des Wortes „judenfrei“ bei. Wenn diese nichtreligiösen Juden sich dann an die Gemeinde wenden in sozialen und kulturellen Fragen, treffen sie auf die Alleinherrschaft der autoritären Vorstände, auf Diebstähle und dubiöse Machenschaften und distanzieren sich davon. Vom völligen Bruch mit der Gemeinde halten sie ein einziges rituelles Problem ab: der Wunsch ewig und kostenfrei in der Erde des jüdischen Friedhofs zu liegen.
Die dritte Gruppe sind die staatlichen und kommunalen Amtsträger, für die das Judentum die „heilige Kuh“
-In vielen Städten waren es gerade die Stadtverwaltungen, die eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis an die Mitgliedschaft in der Gemeinde geknüpft haben. Das hatte zur Folge, dass viele ungläubige Juden in den Gemeinden waren, was die Situation der gläubigen Juden sehr erschwert hat.
- Die staatlichen Organe, die den Vorwurf, als antisemitisch bezeichnet zu werden, fürchten, haben jegliche Kontrolle der jüdischen Strukturen abgegeben. Folglich, sind die Vorstände der Gemeinden keine Rechenschaft schuldig und besitzen de facto gerichtliche Immunität, obwohl sie, wie alle anderen Juden Deutschlands nur die Rechte, Pflichten und Verantwortungen haben sollten, wie alle anderen Bürger auch.
- Formell stellt der Staat den Gemeinden die Mittel nur unter der Bedingung zur Verfügung, damit das religiöse Leben stattfinden kann. Diese Beschränkung kann allerdings schnell umgegangen werden. Denn der bestehende Status der Gemeinden und deren mangelnde Kontrolle ist ein Anreiz für nichtreligiöse Menschen, die nur ihre egoistischen und ökonomischen Interessen verfolgen und die Verwaltungsposten in der Gemeinde (vor allem aber die Verwaltung der Finanzen) besetzen zu wollen.
- Heute gibt sogar der ZdJ zu, dass das deutsche Judentum, trotz des Baus neuer Synagogen, vor dem Verlust seines geistlichen Lebens in den nächsten 15-20 Jahren steht. Doch unser genetisches Gedächtnis, unser Geschichtsverständnis und unser Glaube lassen uns nicht einfach tatenlos zusehen, wie jener geistige Reichtum, welcher uns von unseren Vorfahren vererbt wurde, einfach verschwendet wird. Wir sehen es als unsere Pflicht an, alles dafür zu tun, um diesen Verlust abzuwenden.
- Gerade deswegen stellt sich besonders deutlich die Frage der Selbstidentifikation als einzige Plattform, die uns zu vereinen im Stande ist. Denn nur wenn man dieses Problem gelöst hat, kann man über eine Strategie nachdenken, die die jüdische Bevölkerung des Landes zu einer Gemeinschaft verschmelzen lässt, die das moralische Recht haben wird, sich „das deutsche Judentum“ zu nennen. Die Lösung dieses Problems kann weder von oben aufgezwungen, noch durch Verträge erreicht werden. Sie muss von unserer geistlichen und intellektuellen Elite erkannt und formuliert werden, und zwar so dass sie anziehend, überzeugend und motivierend ist.
Unsere Vorschläge
Um das aktive Judentum im Land zu erhalten, muss man, unserer Meinung nach, folgende AUFGABEN lösen:
1. Eine Diskussion in der jüdischen Gemeinschaft zum Thema „Wer sind wir? Und wie sollen wir weiter leben?“ führen. Zur Teilnahme müssen Rabbiner und die Vertreter intellektueller Eliten aus Deutschland und dem Ausland eingeladen werden. Im Rahmen der Diskussion wäre es wünschenswert, eine Liste mit Aufgaben und Zielen zu formulieren, die alle Juden betreffen und in erster Linie gelöst werden müssen,. Die Erkenntnis, dass diese Interessen für Alle gelten, wird die jüdische Gemeinschaft in Deutschland stärken.
2. Sich mit allen Mitteln um den Erhalt und die Entwicklung der jüdischen Religion, Kultur und Tradition zu bemühen, unsere Werte nicht abhängig machen von konsum- und konjunkturorientiertem Denken.
Durchsetzen, dass:
- die religiöse Tätigkeit zum Hauptbestandteil des Gemeindelebens wird; - alles, was mit religiösem Kult zu tun hat, in der Gemeinde autonom und vom Rabbiner, dem Vorbeter und dem Vorsitzenden der Beerdigungsbruderschaft „Chewra Kadischa“ geleitet wird; - Bedingungen und Preise für die Beerdigung auf den Gemeindefriedhöfen einheitlich sind, und dass jeder Jude Deutschlands ein uneingeschränktes Recht besitzt, auf dem jüdischen Friedhof jeder Stadt beerdigt zu werden,.
3. Die Notwendigkeit, zu kontrollieren, ob die jüdischen Gemeinden ihrem Status als „religiöse Gemeinden“ und dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, entsprechen.
4. Es ist äußerst notwendig, den Rabbinern den realen Status der höchsten geistlichen Autorität der Gemeinde, zurückzugeben. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man gewährleisten, dass: - die Rabbiner im Vorstand der Gemeinden, Landes- und Bundesverbände vertreten sind; - die Berufung und die Entlassung der Rabbiner und deren Bezahlung nur von jüdischen religiösen Organen auf Bundes- und Landesebene vollzogen wird; - die Landesverbände einen Landesrabbiner haben; - die führenden Rabbiner der orthodoxen und der allgemeinen Rabbinerkonferenzen Deutschlands die Aufgaben der Oberrabbiner des Landes übernehmen und auf Anfragen der Gemeinden und einzelner Individuen Untersuchungen durchführen, verschiedene Fragen erläutern und Entscheidungen bei halachischen und gerichtlichen Fragen, die für das deutsche Judentum wichtig sind, treffen; - amtliche Dokumente der Gemeinden dürfen nur mit Zustimmung des religiösen Rabbiner-Gerichts oder der Rabbiner der Gemeinden und der Landesverbände verabschiedet werden.
5. Im Fall von Gesetzesverstößen in den jüdischen Gemeinden Deutschlands sollen die offiziellen Behörden des Landes gebeten werden, diese Fälle aufzuklären und bei Straftaten tätig zu werden.
6. Die Demokratisierung der Arbeit des ZdJ fördern, seine völlige Öffnung und Rechenschaftspflicht gegenüber der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands, durchsetzen. Alle oppositionellen Strömungen müssen das Recht haben, ihre Positionen in den vom ZdJ finanzierten Zeitungen „Jüdische Allgemeine“ und „Zukunft“, sowie in den Gemeindeblättern veröffentlichen zu können.
7. Sich darum bemühen, dass: - die Satzungen des ZdJ und der Landesverbände die Möglichkeit enthalten, die Mitgliedschaft jener Gemeinden zu beenden, die Gerichtsentscheidungen jüdischer Gerichte ignorieren und gegen religiöse und demokratische Normen verstoßen, - in der Satzung des Schieds- und Verwaltungsgerichts des ZdJ muss eine Frist genannt werden, in der ein Verfahren abgeschlossen sein muss. Das Schiedsgericht ist verantwortlich für einen zügigen Ablauf eines Verfahrens Informationen über die Tätigkeiten und Beschlüsse der Gerichte müssen in den Zeitungen „Jüdische Allgemeine“ und „Zukunft“ , sowie in den Gemeindeblättern der von den Entscheidungen betroffenen Gemeinden, veröffentlicht werden.
8. Mit Hilfe eines offenen Dialogs mit den staatlichen, und kommunalen Organen in Deutschland, und den jüdische Organisationen Deutschlands sind wir als Initiatoren und Lobbyisten entschlossen einzutreten für die Realisierung der Programme, die auf eine andere Rechtslage der Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft und deren Annäherung an das Judentum, abzielen,.
9. Wir beanspruchen auch die Funktion des Verteidigers der jüdischen kollektiven Rechte, der das Ziel hat, die Rechte und Interessen jener Juden und jüdischer Organisationen zu verteidigen, die von den Funktionären jüdischer Gemeinschaften unterdrückt werden. Dafür zählen wir auf die Unterstützung der orthodoxen und allgemeinen Rabbinerkonferenzen in Deutschland, des Beit Din, des Schieds- und Verwaltungsgerichts des ZdJ, der Schiedsgerichte der Gemeinden die aktive Beteiligung der Opfer selbst.
10. Wir sind dazu entschlossen: - die Formierung einer aktiven Lebensposition für die Juden Deutschlands, deren Integration in das jüdische nationale und das gemeinschaftlich-politische Leben, sowie in die jüdische Weltgemeinschaft, zu unterstützen; - Projekte zur Einrichtung des jüdischen Lebens und zu den Strukturen der politischen Haupt-Organisation der Juden Deutschlands zur Diskussion vorzuschlagen.
Die Schaffung einer offenen jüdischen Gemeinschaft ist das Hauptanliegen des „Forums“. Nur so können die Juden Deutschlands sich weiterentwickeln und die Gefahr einer zukünftigen Degradation vermeiden.
Fazit
Die Situation, in der sich die jüdische Gemeinschaft Deutschlands heute befindet, ist eine logische Folge einer weltanschaulichen und geistlichen Krise der jüdischen Gemeinschaft, und vor allem der Krise ihrer Führung. Wir schlagen vor, dieses System durch ein anderes zu ersetzen und die Prinzipien der Beziehungen der Kommunikation, sowohl untereinander, als auch mit den offiziellen staatlichen Strukturen, zu verändern.
Es ist uns bewusst, dass die aufgestellten Ziele nicht leicht zu realisieren sind und wir uns erst am Anfang befinden. Es wurden nur die Anfangsaufgaben aufgestellt. Unser Erfolg ist nur möglich, wenn viele Gleichgesinnte, an deren Existenz kein Zweifel besteht, ihre Kräfte vereinen. Wir rechnen damit, von Leuten unterstützt zu werden, die die Wege in die Zukunft sehen und die die Macht nicht als einen Schritt zur eigenen Karriere betrachten, sondern als Mittel zur Modernisierung des jüdischen Lebens. Gerade diese Leute sind herzlich eingeladen, mit uns zusammen zu arbeiten. Wir gehen davon aus, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben.
Kontakte
Adresse: „Forum für die Zukunft des Judentums in Deutschland“ Postfach 14 31 46, 45261 Essen;
E-Mail:
This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it
,
This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it
,
This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it
;
Tel.: +49 (0) 179 77 49 283 (deutsch), +49 (0) 152 2756 5917 (russisch);
Bankdaten: „Forum für die Zukunft des Judentums in Deutschland“ Kontonummer 21556604, BLZ 50010060, Postbank Frankfurt
Rat des Vereines
|